Vor über einem Jahrzehnt habe ich hier mein mathematisches Konkordanz-Konzept für den Bundesrat vorgestellt: Eine Regierung, die der Parteistärke entspricht. Pro 10 % ein Sitz, 10 % als Hürde, Restmandate nach den höchsten «Einern».
Die naheliegende unbequeme Frage habe ich mir lange gespart: Was käme heraus, wenn man dasselbe Prinzip auf die 26 Kantonsregierungen loslässt? Jetzt habe ich es durchgerechnet – für alle Kantone, in denen die Rechnung überhaupt Sinn ergibt.
Fünf oder sieben – warum das den Unterschied macht
Der Bundesrat hat sieben Sitze. Die Kantone sind gespalten: Ein Teil regiert mit sieben, der grössere Teil mit fünf Regierungsmitgliedern. Diese Zahl ist nicht kosmetisch – sie verschiebt die Eintrittshürde.
Beim Bundesrat kostet ein Sitz rund 14 % (ein Siebtel), die Hürde liegt bei 10 %. Das sind grob 0,7 Sitze. Überträgt man diese Logik sauber auf eine Fünferregierung, wo ein Sitz 20 % kostet, landet dieselbe 0,7-Sitze-Hürde bei 14 %. Deshalb rechne ich:
- Siebnerregierungen: Hürde 10 % – exakt wie beim Bundesrat.
- Fünferregierungen: Hürde 14 % – dieselbe Schwelle, nur auf fünf Sitze umgelegt.
Wer diese Unterscheidung weglässt, vergleicht Äpfel mit Birnen. Eine 10 %-Partei gehört bei sieben Sitzen an den Tisch, bei fünf Sitzen nicht.
Die Abgrenzungen – damit niemand nachfragen muss
- Grundlage ist der Wähleranteil der letzten kantonalen Parlamentswahl, nicht der Regierungswahl. Die Regierung wird im Majorz und über Köpfe gewählt – genau das ist ja der Grund, warum sie die Parteistärke systematisch verfehlt.
- Zwei Kantone fallen raus: Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden bestellen ihre Regierung an der Landsgemeinde bzw. im reinen Majorz. Kein Parteienproporz, keine Grundlage. Bleiben 24 Kantone mit zusammen 142 Regierungssitzen.
- Wo die Zahlen wackeln: Einzelne Regierungen sind noch provisorisch (St. Gallen, Genf, Uri), einzelne Wähleranteile geschätzt (Bern, Obwalden). Und im Wallis wie im Jura liefert das Wahlsystem gar keinen sauberen kantonsweiten Stimmenanteil – dort arbeite ich mit dem Sitzanteil als bestmöglicher Näherung.
Wie die Verteilung bei fünf Sitzen läuft
Am Beispiel Aargau (Grossratswahl 2024):
- Wähleranteile: SVP 33,9 %, SP 16,1 %, FDP 15,4 %, Mitte 12,9 % – der Rest darunter.
- Hürde 14 %: SVP, SP und FDP sind drin. Die Mitte verpasst sie um gut einen Prozentpunkt und ist draussen.
- Die fünf Sitze werden im Verhältnis verteilt, die Restmandate gehen an die höchsten Einer. Ergebnis: SVP 3, SP 1, FDP 1.
Real sitzt im Aargau aber die Mitte mit am Tisch – auf Kosten des dritten SVP-Sitzes. Ein Muster, das sich noch oft wiederholen wird.
Die Resultate – Kanton für Kanton
Siebnerregierungen (Hürde 10 %):
| Kanton | Wahl | Ist | Neu berechnet | Differenz |
|---|---|---|---|---|
| Zürich | 2023 | SVP 2, FDP 1, Grüne 1, Mitte 1, Parteilos 1, SP 1 | SP 2, SVP 2, FDP 1, GLP 1, Grüne 1 | SP +1, GLP +1, Mitte −1, Parteilos −1 |
| Bern | 2026 | SP 2, SVP 2, FDP 1, Grüne 1, Mitte 1 | SVP 4, SP 2, Grüne 1 | SVP +2, FDP −1, Mitte −1 |
| Schwyz | 2024 | SVP 3, FDP 2, Mitte 2 | SVP 3, Mitte 2, FDP 1, SP 1 | SP +1, FDP −1 |
| St. Gallen | 2024 | Mitte 2, SP 2, SVP 2, FDP 1 | SVP 3, Mitte 2, FDP 1, SP 1 | SVP +1, SP −1 |
| Waadt | 2022 | FDP 3, SP 2, Grüne 1, Mitte 1 | FDP 3, SP 2, Grüne 1, SVP 1 | SVP +1, Mitte −1 |
| Genf | 2023 | FDP 2, SP 2, Grüne 1, LJS 1, Mitte 1 | FDP 2, SP 2, Grüne 1, MCG 1, SVP 1 | SVP +1, MCG +1, Mitte −1, LJS −1 |
| Zug | 2022 | Mitte 3, FDP 2, SVP 2 | FDP 2, Mitte 2, SVP 2, ALG 1 | ALG +1, Mitte −1 |
| Freiburg | 2021 | FDP 2, Mitte 2, SP 2, SVP 1 | Mitte 2, SP 2, FDP 1, Grüne 1, SVP 1 | Grüne +1, FDP −1 |
| Basel-Stadt | 2024 | SP 3, LDP 2, GLP 1, Mitte 1 | SP 3, SVP 2, Grüne 1, LDP 1 | SVP +2, Grüne +1, LDP −1, GLP −1, Mitte −1 |
| Uri | 2024 | Mitte 4, FDP 2, SVP 1 | Mitte 4, SVP 2, FDP 1 | SVP +1, FDP −1 |
| Nidwalden | 2026 | Mitte 3, SVP 2, FDP 1, GLP 1 | SVP 3, FDP 2, Mitte 2 | SVP +1, FDP +1, Mitte −1, GLP −1 |
Fünferregierungen (Hürde 14 %):
| Kanton | Wahl | Ist | Neu berechnet | Differenz |
|---|---|---|---|---|
| Aargau | 2024 | SVP 2, FDP 1, Mitte 1, SP 1 | SVP 3, FDP 1, SP 1 | SVP +1, Mitte −1 |
| Luzern | 2023 | Mitte 2, FDP 1, SP 1, SVP 1 | Mitte 2, SVP 2, FDP 1 | SVP +1, SP −1 |
| Tessin | 2023 | Lega 2, FDP 1, Mitte 1, SP 1 | FDP 2, Mitte 2, Lega 1 | FDP +1, Mitte +1, Lega −1, SP −1 |
| Graubünden | 2022 | Mitte 3, FDP 1, SP 1 | Mitte 2, FDP 1, SP 1, SVP 1 | SVP +1, Mitte −1 |
| Solothurn | 2025 | SP 2, FDP 1, Mitte 1, SVP 1 | SVP 2, FDP 1, Mitte 1, SP 1 | SVP +1, SP −1 |
| Thurgau | 2024 | SVP 2, FDP 1, Mitte 1, SP 1 | SVP 3, Mitte 1, SP 1 | SVP +1, FDP −1 |
| Basel-Landschaft | 2023 | EVP 1, FDP 1, Grüne 1, Mitte 1, SP 1 | SP 2, SVP 2, FDP 1 | SVP +2, SP +1, EVP −1, Grüne −1, Mitte −1 |
| Obwalden | 2022 | Mitte 2, CSP 1, Parteilos 1, SVP 1 | Mitte 2, SVP 2, FDP 1 | SVP +1, FDP +1, CSP −1, Parteilos −1 |
| Glarus | 2022 | FDP 2, Mitte 1, SP 1, SVP 1 | Mitte 2, SVP 2, FDP 1 | SVP +1, Mitte +1, FDP −1, SP −1 |
| Schaffhausen | 2024 | FDP 2, SVP 2, SP 1 | SP 2, SVP 2, FDP 1 | SP +1, FDP −1 |
| Wallis | 2025 | Mitte 2, FDP 1, SP 1, SVP 1 | Mitte 2, FDP 1, SP 1, SVP 1 | — |
| Neuenburg | 2025 | FDP 2, SP 2, Grüne 1 | FDP 2, SP 2, Grüne 1 | — |
| Jura | 2025 | SP 3, Mitte 2 | Mitte 2, SP 2, SVP 1 | SVP +1, SP −1 |
Für die Übersicht rechne ich die Sprachvarianten zusammen: PLR ist FDP, UDC ist SVP, PS ist SP, Centre/Centro ist Mitte, Verts/Verdi sind die Grünen.
Die konsolidierte Sicht
Alle 24 Kantone zusammengezählt – Regierungssitze pro Partei, wie sie sind und wie sie nach dem Konzept wären:
| Partei | Ist | Neu berechnet | Differenz |
|---|---|---|---|
| SVP | 26 | 45 | +19 |
| Mitte | 38 | 30 | −8 |
| FDP | 31 | 27 | −4 |
| SP | 30 | 28 | −2 |
| Grüne | 6 | 7 | +1 |
| GLP | 2 | 1 | −1 |
| LDP | 2 | 1 | −1 |
| Lega | 2 | 1 | −1 |
| Parteilos | 2 | 0 | −2 |
| Übrige (Rauschen) | 3 | 2 | −1 |
| Total | 142 | 142 | 0 |
Fazit
Man muss die Tabelle nicht lange anschauen. Es gibt nur eine Geschichte, und sie heisst SVP. Neunzehn Regierungssitze fehlen der stärksten Partei des Landes – Sitze, die ihr nach ihrer eigenen Wählerstärke zustünden. Kein anderer Wert kommt auch nur in die Nähe.
Und wer hält diese Sitze? Fast spiegelbildlich die Mitte (−8) und die FDP (−4), zusammen zwölf. Das ist der harte Kern der Schweizer Konkordanz-Folklore: Ein bürgerlich-zentristisches Kartell sitzt auf Regierungssesseln, die rechnerisch längst der Volkspartei gehören. Nicht aus Bosheit – sondern weil im Majorz Köpfe, Netzwerke und Bisherigen-Bonus zählen, nicht Prozente.
Der zweite Befund ist fast noch interessanter, weil ihn kaum jemand erwartet: Links ist praktisch proporzgerecht vertreten. SP −2, Grüne +1. Die vielbeschworene Verzerrung der Konkordanz ist also kein Links-Rechts-Thema. Sie spielt sich vollständig innerhalb des “bürgerlichen” Lagers ab – SVP gegen den Rest.
Von 24 Kantonen bilden ganze zwei ihre Parteistärke exakt ab – das Wallis und Neuenburg. In allen anderen sässe jemand anders am Tisch. Schon 2011 zeigte meine Bundesrats-Rechnung, dass FDP und SVP eigentlich tonangebend sein müssten. In den Kantonen ist das Bild noch klarer.
Und die Pointe zum Schluss: Es sind somit Mitte und FDP, welche eine noch bürgerlichere
Wir nennen dieses System «Konkordanz» und meinen damit angeblich den Einbezug aller nach ihrer Stärke. Rechnet man mit mathematischen Regeln nach, ist es eher das Gegenteil – ein sorgfältig austariertes Fernhalten der grössten Partei von der Zahl an Sesseln, die ihr zusteht. Man darf das für staatspolitisch klug halten. Nur ehrlich benennen sollte man es.
Dieser Beitrag wurde mit Hilfe der KI redigiert.