{"id":1295,"date":"2016-03-22T02:06:49","date_gmt":"2016-03-22T01:06:49","guid":{"rendered":"http:\/\/unbequemefragen.ch\/?p=1295"},"modified":"2016-03-29T15:41:45","modified_gmt":"2016-03-29T14:41:45","slug":"der-weiterentwickelte-hof-ein-drama-in-vier-reformen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unbequemefragen.ch\/?p=1295","title":{"rendered":"Der weiterentwickelte Hof \u2013\u00a0ein Drama in vier Reformen"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Es war einmal ein Bauer. Willy hiess er. Er hatte einen Hof, 65 K\u00fche, seine Frau Vreneli, einen anst\u00e4ndigen und allseits respektierten Fuhrpark, war gl\u00fccklich, zufrieden und wohlhabend. Dann kam die Wende auf dem Milchmarkt: Milch kam ausser Mode. Er wusste nicht wie weiter und suchte Rat bei seinem Knecht Christian. Christian empfahl im Rahmen des Fitnessprogramms &#8220;Farm95&#8221; einen Teil der K\u00fche zu verkaufen. Es blieben noch 42. Der Milchertrag war noch gut.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Nach der Jahrtausendwende kam Christian mit gl\u00e4nzenden Augen zu Willy und legte sein neues Konzept &#8220;FarmXXI&#8221; auf den Tisch. Er hatte es zusammen mit Vreneli in vielen Nachtstunden entwickelt. Radikal sollte mit der Vergangenheit abgeschlossen werden. Statt in Futter sollte das Geld lieber f\u00fcr anderes ausgegeben werden. Vreneli lud von da an viele Leute zu sich ein, baute eine Solaranlage auf das Dach und gab Geld an alle die sie um Geld fragten. Der Schuldenberg wuchs. <\/span><!--more--><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Doch die K\u00fche leideten an Unterern\u00e4hrung. &#8220;<i>Das holen wir dann wieder auf, wenn wir wieder Milch brauchen!<\/i>&#8221; versprach Christian. &#8220;<i>Ich habe mir dazu extra &#8220;Uriella&#8217;s Milch-Prognose<\/i>&#8221; abonniert. &#8220;<i>Die kann\u00a0den n\u00e4chsten *Boom* 10 Jahre voraussehen!<\/i>&#8221; Also f\u00fchrte Bauer Willy weitere 20 K\u00fche auf die Schlachtbank und 10 liess er einfrieren \u2013\u00a0f\u00fcr die &#8220;schlechten Tage&#8221;. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Doch es wurde nicht besser sondern schlimmer. Christian wusste, woran es liegt: Er hatte vergessen den Stall zu reorganisieren \u2013\u00a0der &#8220;Entwicklungsschritt Muh-M\u00e4h&#8221; war geboren und Willy hat Christian als Dank zum Chef-Knecht ernannt. Doch auch damit blieb der Erfolg aus. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Von seinen vielen Reisen ins Ausland hat Christian die L\u00f6sung nach Hause\u00a0gebracht. Der Stall musste &#8220;<i>weiterentwickelt<\/i>&#8221; werden, denn ein Entwicklungsschritt war einfach nicht genug! Also plante man den Kuhbestand auf 10 zu halbieren. Die verlorene Produktion sollte durch voll motorisierte High-Tech-Melkmaschinen ausgeglichen werden.\u00a0Die Schafe bl\u00f6kten &#8220;al-les guuut, al-les guuut!&#8221;<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\">Willy war sich nicht so sicher, hatte ein mulmiges Gef\u00fchl in der Magengegend und fragte seine Freunde von der Bauern-Partei um Rat. Sie diskutierten lange. Gem\u00e4ss\u00a0Statuten sollten sie sich f\u00fcr eigenst\u00e4ndige &#8220;Grossbetriebe&#8221; einsetzen. Schliesslich\u00a0stand Knecht Ruprecht auf und mahnte seine Kollegen, sie sollen doch nicht solche Betonk\u00f6pfe sein, welche nicht mit der Zeit gehen w\u00fcrden. Die Bauern-Partei k\u00f6nne in Anbetracht einer fehlenden Milch-Nachfrage nicht an solch&#8217; alten Konzepten h\u00e4ngen bleiben. Schliesslich garantiere das Konzept dank &#8220;<em>Uriella&#8217;s Milch-Prognose<\/em>&#8221; mehr als rechtzeitig eine massgeschneiderte und flexible Just-In-Time-Anpassung der Produktion. Niemand getraute sich aufzustehen. Willy sagte &#8216;Danke&#8217; und zog von dannen.<\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Auf dem\u00a0Hof hatte Christian bereits die n\u00f6tigen Schritte eingeleitet:\u00a0<\/span><span class=\"s1\">Stall und Hof wurden fast vollst\u00e4ndig verkauft, abgerissen oder man liess Teile verlottern. Die eingefrorenen K\u00fche wurden geschlachtet. Die Maschinen verschrottet. &#8220;<em>Uriella&#8217;s Milch-Prognose<\/em>&#8221; geh\u00f6rt jetzt dem benachbarten NOTA-Bene-Kollektiv und in der Luft kreist der Pleitegeier. Das ganze Hof-Konzept wird von einer teuren PR-Kampagne begleitet: Bessere Milch dank verbesserter Pflege der Jungtiere und vollst\u00e4ndigem Praktikum als Muttertier. Frisches Stroh auf allen B\u00f6den. Laufb\u00e4nder zur Melkanlage f\u00fcr 3 K\u00fche mit besonders hoher Melkbereitschaft. Zwecks besserer regionaler Verbundenheit nannte man die K\u00fche nach Lokalpolitikern. Die PR \u00fcber die Milch ist unterdessen so gut, dass die Milch\u00a0vollst\u00e4ndig von den Bewohnern des Hofes\u00a0getrunken wird.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Doch seine Geldsorgen gingen nicht weg und es fehlte ihm weiter an Mittel, um all die Projekte umzusetzen. Im Zeitplan lag er meilenweit zur\u00fcck. Sollte er sich weiter verschulden? W\u00fcrde Vreneli dem zustimmen?<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Mitten in seiner &#8220;<em>Weiterentwicklung<\/em>&#8221; h\u00f6rt Bauer Willy in den Nachrichten von einem l\u00e4ngst vergessen gegangenen Trend: Milch kommt wieder in Mode. Er wundert sich, dass ihn Christian bzw. das NOTA-Bene-Kollektiv nicht im neusten Report darauf hingewiesen haben und fragte nach. Sie wiegeln ab. &#8220;<i>Lass&#8217; nur \u2013 so schnell ist die weisse Sosse nicht wieder &#8216;en vogue&#8217;! Komm&#8217; setz dich zu uns hin. Wir helfen einander, wenn es soweit kommen sollte.<\/i>&#8220;<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Immer mehr \u2013\u00a0auch einst unabh\u00e4ngige und neutrale \u2013\u00a0Bauern schliessen sich unterdessen dem NOTA-Bene-Kollektiv an. &#8220;<i>Hier wird nur Milch getrunken \u2013 Mindestens 2% der j\u00e4hrlichen Trinkmenge!<\/i>&#8221; Und so nahm die Nachfrage nach Milch immer mehr zu \u2013 bis der Hype wieder voll da war.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">&#8220;<i>Bitte helft mir bei der Ausweitung meiner Produktion! Schickt mir eure K\u00fche!<\/i>&#8221; flehte Willy. &#8220;<i>Das machen wir gerne, Willy. Doch\u00a0eine Bedingung haben wir: Du musst dich \u00a0uns unterwerfen und tun was wir sagen \u2013 mitsamt deinem Hof und deiner Frau!<\/i>&#8221; <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Einen Moment lang wollte Willy nachgeben. Dann erinnerte er sich an <em>Henry<\/em>, seinen Grossvater. Er hatte ihm damals tief in die Augen geschaut und an sein Gewissen appelliert: Willy soll ja gut auf den Hof aufpassen und die Familientradition hochhalten, welche die Familie einst wohlhabend gemacht hat. Nur so k\u00f6nne er den Respekt der anderer erwarten. Im Notfall\u00a0m\u00fcsse er bis zur letzten Kanne f\u00fcr seinen Hof k\u00e4mpfen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Da packte er eine Mistgabel, stand auf den Miststock und verk\u00fcndete laut: &#8220;<i>Das ist mein Hof. Das sind meine K\u00fche. Das ist meine Familie und mein Zuhause!<\/i>&#8221; Doch Christian, der unterdessen im NOTA-Bene-Kollektiv aufgestiegen war, lachte Willy nur aus: &#8220;<i>Wie willst du die Produktion ausweiten? Du hast nur noch einen kleinen Stall. Der Hof ist weg. Die Maschinen sind weg. Die Jungtiere sind verzogen und willensschwach. Die PR hat dein Image zerst\u00f6rt. Kredit gibt es nur von uns. Du bist am Ende. Schliesse dich an oder gehe mit deinem Hof und deiner Familie unter!<\/i>&#8220;<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Vreneli st\u00fcrzte herbei und bat Willy innigst, doch dieses Mal auf Christian zu h\u00f6ren! Er habe all diese Jahre so viel Gutes getan f\u00fcr den Hof. Selbst sie sei schwanger von ihm. Grosse Hoffnung f\u00fcr die Zukunft wachse in ihr.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Willy wusste, dass er alles verloren hatte. Nun war er der Knecht. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einmal ein Bauer. Willy hiess er. Er hatte einen Hof, 65 K\u00fche, seine Frau Vreneli, einen anst\u00e4ndigen und allseits respektierten Fuhrpark, war gl\u00fccklich, zufrieden und wohlhabend. Dann kam die Wende auf dem Milchmarkt: Milch kam ausser Mode. 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