Der weiterentwickelte Hof – ein Drama in vier Reformen

Es war einmal ein Bauer. Willy hiess er. Er hatte einen Hof, 65 Kühe, seine Frau Vreneli, einen anständigen und allseits respektierten Fuhrpark, war glücklich, zufrieden und wohlhabend. Dann kam die Wende auf dem Milchmarkt: Milch kam ausser Mode. Er wusste nicht wie weiter und suchte Rat bei seinem Knecht Christian. Christian empfahl im Rahmen des Fitnessprogramms “Farm95” einen Teil der Kühe zu verkaufen. Es blieben noch 42. Der Milchertrag war noch gut.

Nach der Jahrtausendwende kam Christian mit glänzenden Augen zu Willy und legte sein neues Konzept “FarmXXI” auf den Tisch. Er hatte es zusammen mit Vreneli in vielen Nachtstunden entwickelt. Radikal sollte mit der Vergangenheit abgeschlossen werden. Statt in Futter sollte das Geld lieber für anderes ausgegeben werden. Vreneli lud von da an viele Leute zu sich ein, baute eine Solaranlage auf das Dach und gab Geld an alle die sie um Geld fragten. Der Schuldenberg wuchs.

Doch die Kühe leideten an Unterernährung. “Das holen wir dann wieder auf, wenn wir wieder Milch brauchen!” versprach Christian. “Ich habe mir dazu extra “Uriella’s Milch-Prognose” abonniert. “Die kann den nächsten *Boom* 10 Jahre voraussehen!” Also führte Bauer Willy weitere 20 Kühe auf die Schlachtbank und 10 liess er einfrieren – für die “schlechten Tage”.

Doch es wurde nicht besser sondern schlimmer. Christian wusste, woran es liegt: Er hatte vergessen den Stall zu reorganisieren – der “Entwicklungsschritt Muh-Mäh” war geboren und Willy hat Christian als Dank zum Chef-Knecht ernannt. Doch auch damit blieb der Erfolg aus.

Von seinen vielen Reisen ins Ausland hat Christian die Lösung nach Hause gebracht. Der Stall musste “weiterentwickelt” werden, denn ein Entwicklungsschritt war einfach nicht genug! Also plante man den Kuhbestand auf 10 zu halbieren. Die verlorene Produktion sollte durch voll motorisierte High-Tech-Melkmaschinen ausgeglichen werden. Die Schafe blökten “al-les guuut, al-les guuut!”

Willy war sich nicht so sicher, hatte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend und fragte seine Freunde von der Bauern-Partei um Rat. Sie diskutierten lange. Gemäss Statuten sollten sie sich für eigenständige “Grossbetriebe” einsetzen. Schliesslich stand Knecht Ruprecht auf und mahnte seine Kollegen, sie sollen doch nicht solche Betonköpfe sein, welche nicht mit der Zeit gehen würden. Die Bauern-Partei könne in Anbetracht einer fehlenden Milch-Nachfrage nicht an solch’ alten Konzepten hängen bleiben. Schliesslich garantiere das Konzept dank “Uriella’s Milch-Prognose” mehr als rechtzeitig eine massgeschneiderte und flexible Just-In-Time-Anpassung der Produktion. Niemand getraute sich aufzustehen. Willy sagte ‘Danke’ und zog von dannen.

Auf dem Hof hatte Christian bereits die nötigen Schritte eingeleitet: Stall und Hof wurden fast vollständig verkauft, abgerissen oder man liess Teile verlottern. Die eingefrorenen Kühe wurden geschlachtet. Die Maschinen verschrottet. “Uriella’s Milch-Prognose” gehört jetzt dem benachbarten NOTA-Bene-Kollektiv und in der Luft kreist der Pleitegeier. Das ganze Hof-Konzept wird von einer teuren PR-Kampagne begleitet: Bessere Milch dank verbesserter Pflege der Jungtiere und vollständigem Praktikum als Muttertier. Frisches Stroh auf allen Böden. Laufbänder zur Melkanlage für 3 Kühe mit besonders hoher Melkbereitschaft. Zwecks besserer regionaler Verbundenheit nannte man die Kühe nach Lokalpolitikern. Die PR über die Milch ist unterdessen so gut, dass die Milch vollständig von den Bewohnern des Hofes getrunken wird. 

Doch seine Geldsorgen gingen nicht weg und es fehlte ihm weiter an Mittel, um all die Projekte umzusetzen. Im Zeitplan lag er meilenweit zurück. Sollte er sich weiter verschulden? Würde Vreneli dem zustimmen?

Mitten in seiner “Weiterentwicklung” hört Bauer Willy in den Nachrichten von einem längst vergessen gegangenen Trend: Milch kommt wieder in Mode. Er wundert sich, dass ihn Christian bzw. das NOTA-Bene-Kollektiv nicht im neusten Report darauf hingewiesen haben und fragte nach. Sie wiegeln ab. “Lass’ nur – so schnell ist die weisse Sosse nicht wieder ‘en vogue’! Komm’ setz dich zu uns hin. Wir helfen einander, wenn es soweit kommen sollte.

Immer mehr – auch einst unabhängige und neutrale – Bauern schliessen sich unterdessen dem NOTA-Bene-Kollektiv an. “Hier wird nur Milch getrunken – Mindestens 2% der jährlichen Trinkmenge!” Und so nahm die Nachfrage nach Milch immer mehr zu – bis der Hype wieder voll da war.

Bitte helft mir bei der Ausweitung meiner Produktion! Schickt mir eure Kühe!” flehte Willy. “Das machen wir gerne, Willy. Doch eine Bedingung haben wir: Du musst dich  uns unterwerfen und tun was wir sagen – mitsamt deinem Hof und deiner Frau!

Einen Moment lang wollte Willy nachgeben. Dann erinnerte er sich an Henry, seinen Grossvater. Er hatte ihm damals tief in die Augen geschaut und an sein Gewissen appelliert: Willy soll ja gut auf den Hof aufpassen und die Familientradition hochhalten, welche die Familie einst wohlhabend gemacht hat. Nur so könne er den Respekt der anderer erwarten. Im Notfall müsse er bis zur letzten Kanne für seinen Hof kämpfen.

Da packte er eine Mistgabel, stand auf den Miststock und verkündete laut: “Das ist mein Hof. Das sind meine Kühe. Das ist meine Familie und mein Zuhause!” Doch Christian, der unterdessen im NOTA-Bene-Kollektiv aufgestiegen war, lachte Willy nur aus: “Wie willst du die Produktion ausweiten? Du hast nur noch einen kleinen Stall. Der Hof ist weg. Die Maschinen sind weg. Die Jungtiere sind verzogen und willensschwach. Die PR hat dein Image zerstört. Kredit gibt es nur von uns. Du bist am Ende. Schliesse dich an oder gehe mit deinem Hof und deiner Familie unter!

Vreneli stürzte herbei und bat Willy innigst, doch dieses Mal auf Christian zu hören! Er habe all diese Jahre so viel Gutes getan für den Hof. Selbst sie sei schwanger von ihm. Grosse Hoffnung für die Zukunft wachse in ihr.

Willy wusste, dass er alles verloren hatte. Nun war er der Knecht.

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6 Responses to Der weiterentwickelte Hof – ein Drama in vier Reformen

  1. Willy P. Stelzer says:

    Gute Geschichte! Man darf den Humor nicht verlieren, nicht wahr? Aber die Schweizer erkennen ihre Situation erst wenn sie bis zur Halskrause in den “Jauche” stecken!

  2. Oberst i Gst Peter Schneider says:

    Hervorragend geschrieben und beängstigend nahe an der Wahrheit! Guisan würde sich im Grab umdrehen und ein Rudolf Minger ist weit und breit nicht in Sicht, obschon die Lage 2016 schlechter ist als 1933!

  3. Oberstlt i Gst Kaspar Hartmann says:

    So passend für die Situation der Schweizer Armee (und den kümmerlichen Umgang mit dem Gut Sicherheit), dass es schon nicht mehr zum Lachen ist!!

  4. Willy Hartmann says:

    Es ist in der heutigen Situation zu traurig, um zu lachen.
    Dass man in der obersten Heeresleitung nichts merkt und weiterwurstelt zeigt der jüngste Brief des CdA an die ehemaligen höheren Stabsof.

  5. Major aD Gotthard Kaufmann says:

    Toll geschrieben, Situation voll erfasst, leider wahr und deshalb sehr traurig.
    Für meine Enkel ganz schlimm !!!

  6. Hanspeter Kocher says:

    Gratuliere, Herr Müller !! Absolut top geschrieben…..und trifft die Sache in jedem Detail.
    Und wie Herr Kaufmann so treffend schreibt: Ganz schlimm für die Enkel.
    Leider gibt es nur allzuviele Zeitgenossen, die nicht merken (oder nicht merken wollen) was läuft, auch wenn sie die Nase schon zutiefst im Misthaufen haben.

    Ich wünsche Ihnen und uns allen, dass das noch gut ausgeht!

    Freundliche Grüsse
    Hanspeter Kocher

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